Schon beim Aufstehen am Morgen beginnt es: ein stechender, brennender Schmerz unter der Ferse, der jeden Schritt zur Qual macht. So erging es Boris Münch, 46, medizinisch-technischer Radiologieassistent am Marienhospital Stuttgar, über Monate. „Die ersten Schritte morgens fühlten sich an wie heftige Nadelstiche. Irgendwann konnte ich kaum noch über den Klinikflur zu unseren Behandlungsräumen gehen“, erinnert er sich.
Was hinter dem „Fersensporn“ steckt
Was viele salopp als „Fersensporn“ bezeichnen, ist medizinisch in den meisten Fällen eine Plantarfasziitis – eine schmerzhafte Entzündung der kräftigen Sehnenplatte an der Fußsohle, die von der Ferse bis zu den Zehen verläuft. Sie stabilisiert das Fußgewölbe und fängt bei jedem Schritt enorme Kräfte ab. Wird sie durch Überlastung, Fehlstellungen oder langes Stehen gereizt, entzündet sich das Gewebe – Schmerzen unter der Ferse sind die Folge.
Im Röntgenbild ist dann bei manchen Betroffenen ein kleiner knöcherner Auszug am Fersenbein zu sehen, der sogenannte Fersensporn. „Der Ausdruck ‚Fersensporn‘ hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert“, erklärt Oberarzt Dr. Fridolin Tröster, Facharzt für Diagnostische Radiologie. „Medizinisch verbirgt sich dahinter jedoch kein einheitliches Krankheitsbild. Entscheidend für die Beschwerden ist meist die entzündete Sehnenplatte – der Fersensporn selbst ist häufig nur ein Begleitbefund.“
Wenn der Schmerz bleibt
Wie die meisten Patienten begann auch Boris Münch mit konservativen Therapien: orthopädische Einlagen, Dehnübungen, Physiotherapie, entzündungshemmende Medikamente, Stoßwellentherapie. Zunächst schienen die Maßnahmen zu helfen, langfristig blieb der Erfolg jedoch aus. „Es war ein ständiges Auf und Ab“, erinnert er sich. „Am Ende wurde es immer schlimmer.“
Bei vielen Menschen lassen sich die Beschwerden mit konservativen Maßnahmen lindern oder auch längerfristig in den Griff bekommen. Doch wenn eine Plantarfasziitis chronisch wird und über Monate anhält, entwickelt sich ein regelrechter „Teufelskreislauf“: Schmerzen führen zu Reizung, die Reizung verstärkt die Entzündung, und der Schmerz bleibt.
Neuer Ansatz in der Radiologie
Auf einer Fachfortbildung in Salzburg wurde Dr. Fridolin Tröster auf ein vergleichsweise junges Verfahren aufmerksam: eine 2018 von einem japanischen Arzt entwickelte minimalinvasive Technik, bei der gezielt jene kleinen Blutgefäße verschlossen werden, die eine chronische Entzündung der Plantarfaszie aufrechterhalten. „Das Vorgehen ist erstaunlich einfach und effektiv – gerade im Vergleich zu anderen gefäßmedizinischen Eingriffen“, sagt der Radiologe.
Bei der sogenannten Embolisation werden krankhaft neu gebildete, feinste Gefäße verschlossen. Sie sind oft übermäßig durchlässig und bringen nicht nur zusätzliches Blut, sondern auch neue Nervenfasern in das entzündete Gewebe. Beides verstärkt und unterhält den Schmerz. Für Patienten wie Boris Münch, bei denen herkömmliche Therapien ausgeschöpft sind, kann dieser Ansatz eine neue Perspektive bieten.
Wie die Embolisation abläuft
Der Eingriff erfolgt in örtlicher Betäubung und unter Bildkontrolle. Über eine punktierte Arterie nahe dem Innenknöchel wird ein sehr dünner Katheter bis in die Fußgefäße vorgeschoben. Anschließend injiziert der Radiologe mikroskopisch kleine Partikel, die gezielt in die neu gebildeten Gefäße gelangen und diese vorübergehend verschließen. Verwendet wird ein Präparat mit kurzer Halbwertszeit (etwa 90 Minuten). In gesunden Gefäßen wird es rasch abgebaut, die normale Durchblutung bleibt erhalten. In den entzündlich veränderten Gefäßen haftet es länger und blockiert diese effektiv.
So wird der Kreislauf aus verstärkter Durchblutung, Entzünd-ungsbotenstoffen und einsprossenden Nervenfasern durchbrochen. Die Reizung nimmt ab, Schmerzsignale gehen zurück, und das Gewebe kann sich erholen. „Man kann es sich wie bei einer Pflanze vorstellen: Schneidet man die versorgenden Strukturen ab, stoppt das weitere Wachstum“, erklärt Dr. Tröster.
Was bedeutet das konkret für Patienten?
Die Embolisation ist keine Erstlinientherapie. Sie kommt vor allem für Menschen in Betracht, die trotz konsequenter konservativer Therapie weiterhin starke Schmerzen haben. „Wir wägen sehr sorgfältig ab“, betont Dr. Tröster. „Unser Anspruch ist es, Patienten individuell zu beraten und gemeinsam zu entscheiden.“
Der Eingriff dauert in der Regel weniger als eine Stunde, erfolgt ohne Vollnarkose und ist für die meisten Betroffenen gut zu tolerieren. Nach einer kurzen Überwachungszeit können die Patienten den Fuß meist wieder vorsichtig belasten. Ein stationärer Aufenthalt ist in der Regel nicht erforderlich.
Wieder beweglich – und zurück auf der Matte
Bei Boris Münch verlief der Eingriff komplikationslos. Schon kurz nach der Embolisation konnte er den Fuß wieder vorsichtig belasten. „Das war ein unglaubliches Gefühl“, berichtet er. Und nur wenige Wochen nach der Behandlung, hat er seinen Alltag vollständig zurückgewonnen. „Ich kann wieder längere Strecken gehen, ohne ständig an meine Ferse zu denken. Und mit Karate habe ich auch wieder angefangen. Das ist für mich ein großes Stück an zurückgewonnener Lebensqualität.“
FERSENSPORN – GUT ZU WISSEN
Nicht der knöcherne Sporn verursacht die Schmerzen, sondern meist eine chronische Entzündung der Plantarfaszie. Durch Überlastung entstehen Mikroverletzungen, die eine schmerzhafte Reaktion auslösen. Halten die Beschwerden trotz konsequenter Therapie über Monate an, kann eine minimalinvasive, bildgesteuerte Embolisation erwogen werden. Dabei
werden über einen dünnen Katheter gezielt kleinste Gefäße verschlossen, die die Entzündung im Bereich der Plantarfaszie aufrechterhalten. Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern und die Heilung zu fördern – ohne offene Operation. Für wen diese Therapie geeignet ist, hängt von den individuellen Beschwerden und dem bisherigen Behandlungsverlauf ab. Eine ausführliche Beratung klärt Nutzen, Risiken und Alternativen.


















