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Schwesterjubiläum – 235 Jahre Dienst am Nächsten

„235 Jahre – eine ganze Menge an Lebenszeit“, sagen die vier Schwestern, die ihr Ordensjubiläum feiern, und lachen. Tatsächlich: Schwester Gundina Bopp, Schwester Monegund Frankenreiter, Schwester Engeltraud Krug und Schwester Zita Maria Grimm blicken gemeinsam auf beeindruckende 235 Jahre Profess zurück. Sr. Gundina feiert ihr 65-jähriges Jubiläum, Sr. Engeltraud und Sr. Monegund jeweils 60 Jahre, Sr. Zita Maria 50 Jahre.

Vier Jubilarinnen mit Herz, Haltung und ganz viel Menschlichkeit (von li.): Sr. Zita Maria, Sr. Engeltraud, Sr. Monegund, Sr. Gundina

Sr. Zita Maria, Sr. Engeltraud, Sr. Monegund, Sr. Gundina (v. li.)

Doch hinter dieser beeindruckenden Zahl stehen keine abstrakten Jahre, sondern vier ganz persönliche Lebensgeschichten: geprägt von Begegnungen, Entscheidungen, Herausforderungen und dem Wunsch, für Menschen da zu sein. „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, bringt eine der Ordensfrauen ihre Erfahrungen auf den Punkt.


Vier Wege – ein gemeinsamer Ruf

Die Wege in den Orden waren so unterschiedlich wie die vier Frauen selbst. Keine von ihnen beschreibt den Eintritt als geradlinige Entscheidung, sondern als einen Weg, der sich nach und nach entwickelte. So kam Sr. Monegund während ihrer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in Schwäbisch Gmünd erstmals intensiver mit Ordensschwestern in Kontakt. Die Begegnungen im Krankenhaus ließen sie nicht mehr los. Nach einigen Jahren Berufserfahrung reifte der Entschluss, selbst Teil dieser Gemeinschaft zu werden. 1963 trat sie in Untermarchtal ein, es folgten Einkleidung und Profess. Ihr Weg führte sie zurück in die Pflege, auch in die Intensivpflege, und schließlich nach Stuttgart.

Im Marienhospital arbeitete sie später an der Telefonzentrale und an der Information. Eine Aufgabe, die ihr besonders entsprach: „Ich war gern dort, weil ich mit so vielen Menschen zu tun hatte.“ Zuhören, Orientierung geben und manchmal einfach ein freundliches Wort schenken – auch darin sah sie ihren Auftrag.

Auch Sr. Zita Maria fand ihren Weg Schritt für Schritt. Nach der Schule lernte sie zunächst das Leben in einem Kloster kennen und arbeitete im hauswirtschaftlichen Bereich. Später entdeckte sie ihre Freude an der Arbeit mit Kindern und sammelte Erfahrungen in verschiedenen Einrichtungen. Mit 23 Jahren entschied sie sich für den Eintritt in den Orden. „Das war für mich genau das richtige Alter – nicht zu jung und nicht zu alt“, sagt sie.

Ihre Eintrittszeit fiel in eine Phase großer Veränderungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Vieles im Ordensleben wurde neu betrachtet und gestaltet. Auch das Verständnis der Profess veränderte sich: Die Gelübde wurden nicht nur als einmaliges Versprechen verstanden, sondern als bewusste Entscheidung, die immer wieder neu mit Leben gefüllt wird.

Ein Versprechen, das jedes Jahr neu trägt

Für die Vinzentinerinnen ist die jährliche Erneuerung der Profess ein wichtiger Moment der Vergewisserung. Es geht darum, sich erneut bewusst zu machen, wofür man steht: für die Nachfolge Jesu, für die Gemeinschaft und für den Dienst an den Menschen – ganz im Geist des heiligen Vinzenz von Paul.

Die Gelübde von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam sind dabei keine bloßen Regeln, sondern Ausdruck einer inneren Haltung. „Man spricht die Gelübde immer wieder neu – nicht nur mit Worten, sondern auch mit der Gesinnung, die dahintersteht“, erklärt Sr. Gundina. Die Profess ist zugleich Rückblick und Aufbruch: ein Erinnern an den eigenen Weg und eine erneute Bereitschaft, sich Menschen zuzuwenden, die Unterstützung brauchen.

Auch Umwege gehören zum Weg

Dass ein Ordensleben nicht nur aus einfachen und geraden Wegen besteht, erzählen die Schwestern offen. So erinnert sich Sr. Engeltraud, dass ihr Eintritt zunächst auch eine Flucht aus familiären Spannungen war. „Ich hatte meinen Weg innerlich gemacht“, erzählt sie. Ihr Ordensleben führte sie in viele unterschiedliche Bereiche: in die Pflege als Krankenschwester im Marienhospital, in den Aufbau und die Leitung zweier Sozialstationen und schließlich in die Straßenarbeit mit Obdachlosen in Esslingen und Drogenabhängigen in Stuttgart. Diese Zeit bezeichnet sie als ihre persönliche „vinzentinische Zeit“. „Dort habe ich meinen Auftrag besonders intensiv gespürt“, sagt sie. 16 Jahre lang arbeitete Sr. Engeltraud mit Menschen am Rand der Gesellschaft. Die Begegnungen blieben auch humorvoll in Erinnerung: Die Menschen auf der Straße tauften sie „Schwester Edelweiß“. Die Begründung: „So jemand steht unter Naturschutz.“

Auch Sr. Zita Maria kennt Zeiten der Veränderung. Die Arbeit im Krankenhaus war für sie zunächst eine Herausforderung. Mit Unterstützung ihrer Oberin fand sie schließlich eine neue Aufgabe in der Patientenbegleitung, die besser zu ihr passte. „Manchmal versteht man erst später, warum ein Weg anders weitergeht.“

65 Jahre gelebte Verbundenheit

Mit 65 Jahren Profess blickt Sr. Gundina auf die längste Zeit im Kreis der Jubilarinnen zurück. Viele Jahrzehnte ihres Lebens waren geprägt von Gemeinschaft, Verantwortung und dem Dienst an anderen Menschen – im Haus unter anderem als Ausbildungleiterin der Diätschülerinnen „Kalte Küche“. Wie ihre Mitschwestern erlebte auch sie Veränderungen und Grenzen, die das Alter und gesundheitliche Herausforderungen mit sich bringen. Aufgaben, die früher selbstverständlich waren, sind heute teilweise nicht mehr möglich. Doch ihr Blick zurück ist von Dankbarkeit geprägt.

Für sie zählt vor allem, was bleibt: die Begegnungen mit Menschen und die Erfahrung, dass jeder Lebensabschnitt seinen eigenen Wert hat. Auch schwierige Zeiten gehören für sie dazu – und haben sie auf ihrem Weg getragen.

Was sichtbar macht

Ein besonderes Kapitel ihrer Erinnerungen ist die Ordenskleidung. Die Ordensschwestern erzählen von den früheren Trachten mit den gestärkten Schleiern. Diese waren nicht nur ein äußeres Zeichen der Zugehörigkeit, sondern boten auch Schutz und schufen Respekt. „Man wurde anders wahrgenommen“, erinnern sie sich. Besonders Kinder reagierten oft neugierig und offen. Der Schleier machte die Schwestern sichtbar – und brachte sie mit vielen Menschen ins Gespräch.

Heute ist die Kleidung einfacher geworden. Entscheidend bleibt für die vier Frauen jedoch nicht die äußere Form, sondern die Haltung dahinter: Menschen wahrzunehmen, ihnen mit Respekt zu begegnen und ihnen beizustehen.

Dankbar zurückblicken – neu entscheiden

Nach all den Jahrzehnten sind sich die vier Schwestern einig: Würden sie ihr Leben noch einmal leben, sie würden denselben Weg wieder gehen. Nicht, weil immer alles leicht gewesen wäre. Sondern gerade, weil auch schwierige Erfahrungen zum eigenen Weg gehören. „Es ist immer ein Auf und Ab“, sagt eine Schwester. Und doch überwiegt die Dankbarkeit. „Ich bin dankbar für alles – auch für das, was nicht so gut war“, lautet eine ihrer Botschaften.

235 Jahre Profess stehen damit nicht nur für eine Zeitspanne. Sie stehen für gelebte Nächstenliebe, für Verantwortung und für unzählige Begegnungen. Vier Frauen, vier Lebenswege – verbunden durch einen gemeinsamen Auftrag: für Menschen da zu sein.