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Ein Leben in Weiß – Schwester Gundina Bopp

90 Jahre Lebenserfahrung – und gelebte Praxis in Küche und Ausbildung: Als Schwester Gundina Bopp vergangenen Jahres am 27. September 2025 ihren 90. Geburtstag feierte, war das mehr als nur ein runder Ehrentag. Es ist wie jedes Jahr auch der Festtag des heiligen Vinzenz von Paul, des Ordenspatrons der Barmherzigen Schwestern von Untermarchtal.

Mit 90 Jahren blickt Schwester Gundina Bopp auf ein erfülltes Leben zurück

Mit 90 Jahren blickt Schwester Gundina auf ein erfülltes Leben zurück

Geboren als Theresia Bopp

Dass ihr Leben und der Gedenktag ihres Ordensgründers auf dasselbe Datum fallen, ist ein schöner Zufall – oder vielleicht mehr als das. Ein stilles Zeichen? Wer weiß. Schwester Gundina jedenfalls lächelt, wenn man sie darauf anspricht – wie so oft, wenn sie aus ihrem Leben erzählt.

Geboren wurde sie 1935 im oberschwäbischen Hüttisheim bei Ulm. Der Vater, Schuhmacher mit eigener Werkstatt, starb früh, 1951. Die Mutter und zwei Brüder hielten die Familie zusammen. Als Theresia – wie sie mit Taufnamen hieß – verkündete, dass sie Ordensschwester werden wolle, war die Familie alles andere als begeistert. Nicht aus Mangel an Glauben – „religiös waren wir in der Familie immer“, betont Schwester Gundina –, sondern aus Verbundenheit. Man hing aneinander. Und dass die „Resl“, das Elternhaus verlassen wollte, schmerzte.

„Ich fahr dich erst gar nicht hinauf nach Untermarchtal“, sagte der Bruder, als die Zeit für die Kandidatur gekommen war – fuhr sie dann aber doch. „Na ja, er konnte halt doch nicht anders“, sagt die Ordensschwester heute lachend und gesteht: „Letztlich war es ja auch schön zu wissen, dass man jemandem fehlt.“

Die ersten Schritte im Ordensleben

Im April 1958 trat sie ihre Kandidatenzeit im oberschwäbischen Untermarchtal an. Es folgte das Noviziat von 1959 bis 1960 – eine Zeit der geistlichen Ausbildung und des Hineinwachsens in das Leben der Vinzentinerinnen. Der Kontakt zur Familie war damals anders als heute streng geregelt: Besuche selten, das Briefeschreiben ebenfalls reglementiert.

Als kurz vor der feierlichen Einkleidung überhaupt kein Besuch mehr erlaubt war, hatten sich dennoch ihre Mutter und ein Bruder angekündigt. „Ich brachte es nicht übers Herz, ihnen abzusagen“, erinnert sie sich. „Ich hatte so Heimweh. Dann dachte ich mir: Kommt einfach – und wir schauen, ob die Ordensschwestern euch wieder davonschicken.“ Das taten diese zum Glück nicht. Und für Schwester Gundina ein Segen, da ihre Mutter nur wenig später verstarb.

Ein neuer Name, ein neues Leben

Mit der Einkleidung erhielten die jungen Frauen auch ihren neuen Namen; auf die Wahl haben sie bis heute keinen Einfluss. „Als junge Novizinnen gingen wir gelegentlich über den Schwesternfriedhof, schauten auf die Grabsteine und überlegten, welchen Namen wir wohl einmal tragen würden, welchen wir am liebsten selbst gern hätten oder welchen lieber nicht“, erzählt sie. Einen Wunsch durfte man gegenüber der Oberin natürlich nicht äußern, „das hätte als Anmaßung und Eitelkeit gegolten.“

Schwester Gundina erinnert sich: „Den Namen bekam man während der feierlichen Zeremonie von der Oberin. Er stand auch auf einem kleinen Zettel, den wir in den Ärmelaufschlag unserer neuen Tracht steckten – für alle Fälle. Denn vor lauter Aufregung wusste hinterher nicht jede sofort, wie sie nun heißt“, lacht sie. Zuhause blieb sie aber bis heut „die Resl“.

Gelübde auf Zeit – und aus Überzeugung

1961 legte sie die feierliche Profess ab – mit den Gelübden der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams. Bei den Vinzentinerinnen ist dieses Versprechen besonders, denn es wird jedes Jahr zu Ostern erneuert. „Das ist uns wichtig. Wir wollen jedes Jahr neu ‚Ja‘ sagen – bewusst und frei. Das hält wach“, erklärt sie. Kein Automatismus also, sondern ein spiritueller Neustart, Jahr für Jahr.

Vom Kochtopf zur Berufung

Nach ihrer Profess wurde Schwester Gundina nach Stuttgart ans Marienhospital gesendet. Schon während ihrer Zeit im Mutterhaus hatte sie in der Großküche gearbeitet, nun folgte die Ausbildung zur Diätassistentin – auf Wunsch des Ordens. „Ich habe mich darauf eingelassen“, sagt sie. „Und es war gut so. Als junge Ordensschwester war ich kurz auf einer Pflegestation, aber wenn da jemand starb … das war für mich nur schwer zu verkraften.“

In der Küche hingegen blühte sie auf. „Da war immer Leben, Austausch, Lachen. Und später mit den Schülerinnen hatte ich das Gefühl, etwas geben zu können – beruflich, aber auch menschlich.“ – Und vielleicht hatte ja auch ihre Mutter mit ihrer alten Mahnung recht: „Du musst kochen lernen!“ Wobei Schwester Gundina verschmitzt ergänzt: „Das hat sie nur gesagt, weil sie selbst nicht gern gekocht hat.“

Pioniergeist und Fürsorge

Nach der Ausbildung arbeitete sie acht Jahre als Küchenleiterin im Krankenhaus in Neresheim, bevor sie 1972 ans Marienhospital zurückkehrte. Dort begann eine Zeit der Modernisierung – stets getragen von Tatkraft und Pioniergeist. „‚Wir wollen ein Haus nach vorne sein‘, sagte die damalige Leiterin der Diätschule, Schwester Consolatrix, immer wieder. Bei jeder Neuerung waren wir deshalb vorne mit dabei – neugierig, engagiert und offen für alles, was unser Haus voranbringen konnte.“ Ein Förderband in der Küche, auf dem die Essen vorportioniert wurden, löste die bisherige Verteilung aus Kochtöpfen auf den Stationen ab – heute Standard, damals fast revolutionär.

Ab 1972 leitete sie die Diätküche, die kalte Küche – und vor allem die Ausbildung junger Diätschülerinnen. „Das hat mir am meisten Freude gemacht. Nachmittags beim Apfelschälen haben wir oft zusammengesessen, geredet, gelacht. Und wir haben nicht nur über den Beruf gesprochen – auch über das Leben.“ Ihr war es stets wichtig, den jungen Frauen nicht nur Fachliches, sondern auch Menschliches mit auf den Weg zu geben.

Ihre Fürsorge zeigte sich auch in kleinen, herzlichen Gesten: „Bei einer Prüfung ist mal der Spinat einer Schülerin angebrannt. Wir haben den Topf dann heimlich ausgetauscht – so geschickt, dass weder die Schülerin noch die Prüfer etwas gemerkt haben. Am Ende hat sie die Prüfung bestanden, als hätte der Spinat nie Ärger gemacht – und sie war richtig stolz auf sich.“

Eine Ausbilderin mit Herz – auch streng, wenn nötig, aber nie kleinlich. Mit Blick fürs Ganze. Auch heute wird sie immer wieder zu Treffen ehemaliger Schülerinnen eingeladen. „Manche erkenne ich kaum wieder – da stehen dann gestandene Frauen vor mir, die selbst fast alt sind. Aber schön ist das schon“, lacht sie.

Abschied von der Küche – nicht aber vom Haus und von ihrer Berufung

Bis zur Corona-Pandemie war Schwester Gundina noch regelmäßig in der Diätküche aktiv. Danach, der Gesundheit und dem Alter wegen, zog sie sich zurück. „Es war auch Zeit. Die jungen Kolleginnen wollten übernehmen – und das ist gut so.“ Ihre Liebe zur Küche aber bleibt: Ab und zu schaut sie noch vorbei, sieht nach, wie alles läuft, bleibt neugierig und interessiert. Was sie weiterhin täglich trägt, ist ihre weiße Arbeitskleidung – schlicht, funktional, vertraut. „Darin fühle ich mich einfach am wohlsten“, sagt sie. Die weiße Tracht ist ihr geblieben wie eine zweite Haut – als Zeichen ihrer Berufung, ihres Dienstes und ihrer Zugehörigkeit.

Und auch heute noch ist Schwester Gundina für andere da – auf eine Weise, die leise, aber tief wirkt: Jeden Tag nimmt sie die Anliegen von Patienten, Angehörigen und Mitarbeitenden mit in ihr Gebet in der Kapelle. Still, verlässlich, selbstverständlich – so wie sie es immer getan hat. Auch wenn sie sich aus der Küche zurückgezogen hat, endet ihr Dienst nicht.

Auf die Frage, was sie früher am liebsten gekocht und bis heute am liebsten isst, kommt die Antwort prompt: „Saure Kutteln und Pizza.“ Zwei Welten auf einem Teller – das Bodenständige und das Mediterrane – und ein weiterer Beweis ihrer Großherzigkeit, „Denn“, sagt Schwester Gundina verschmitzt, „wer beides mag, hat Platz für Unterschiedliches.“

Mit 90 blickt sie auf ein erfülltes Leben zurück: geprägt von Verzicht und Verantwortung, aber ebenso von tiefer Freude – besonders über ihre Arbeit als Ausbilderin, das Weitergeben, das Miteinander, das Menschliche im Alltag. Vielleicht ist es genau das, was man von ihr lernen kann: dass Berufung nichts Lautes sein muss, sondern sich oft im Verborgenen erfüllt. Beim Äpfelschälen. Beim Lachen mit Schülerinnen. Beim Aufgreifen fremder Sorgen. Oder eben beim geschickten Austausch eines angebrannten Topfes.