„Ursprünglich wollte ich Floristin werden“
Geboren als Brunhilde Bieg in Lautern im Ostalbkreis, einem kleinen Dorf voller Gärtner und Gärtnereien, war sie die Zweitjüngste von sechs Geschwistern. Der Vater Schmied, und auch ihr Berufsleben begann zunächst ganz bodenständig: Mit 15 lernte sie Fleischereifachverkäuferin. „Ursprünglich wollte ich Floristin werden, aber das hätte bedeutet, für die Ausbildung weg von zu Hause gehen zu müssen. Und da ich noch so jung und auch nicht gerade reiselustig war, folgte ich meiner älteren Schwester in die Ausbildung bei der Fleischerei – und der Beruf hat mir über viele Jahre wirklich Spaß gemacht.“
Ihr Lebensplan war zunächst klar: Familie gründen, Kinder großziehen – ganz klassisch eben. „Ich dachte immer, so wird mein Weg aussehen. Ein Kloster? Das war nie Teil meines Plans.“ Und der Tante, die ihr als Ordensschwester in Untermarchtal diesen Weg schmackhaft machen wollte, antwortete sie damals genauso frech wie überzeugt: „Ich bin doch nicht verrückt!“
Mutig „Ja“ sagen – auch wenn man nicht alles vorhersehen kann
Doch mit 37 Jahren kam die überraschende Wendung: „Ich stand an einer roten Ampel in Ravensburg und dachte plötzlich: ‚Jetzt gehe ich ins Kloster.‘ So richtig, nicht nur für ein paar Exerzitien. Das war unglaublich – für mich selbst, diesen starken Impuls zu spüren, das Gefühl zu haben, das ist jetzt richtig.“
Die Jahre davor führten Sr. Anna Maria über die Filialleitung einer Fleischerei in Schwäbisch Gmünd, eine Ausbildung in Jugend- und Heimerziehung bis hin zur Arbeit mit Jugendlichen mit Lernbehinderungen. „Ich habe Mädchen und später auch Jungs in verschiedenen Berufsausbildungen begleitet. Das hat mir gezeigt: Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, ist meine Leidenschaft.“
Natürlich meldeten sich auch Zweifel. Für eine gestandene Frau mit 37 war der geforderte unbedingte Gehorsam eine wirkliche Prüfung. Selbst die äußere Verwandlung war nicht einfach. „Bei meiner Einkleidung sah ich mich mit der Tracht im Spiegel und dachte: ‚Moment mal, das bin jetzt wirklich ich?‘ Es dauert schon, bis man sich daran gewöhnt. Aber dann merkte ich: Es ist mein Weg, meine Berufung – und das fühlt sich richtig an.“
Die Biografie von Sr. Anna Maria überrascht auf jeder Ebene: Vom Landmädchen zur Fleischfachverkäuferin, dann Spätberufene im Kloster mit 37 Jahren, schließlich Oberin eines großen Krankenhauses mit 57. „Wenn man mich vor dreißig Jahren gefragt hätte, ob ich mir vorstellen könnte, einmal Oberin zu sein, hätte ich gelacht. Aber das Leben schreibt seine eigenen Geschichten.“
Der Gehorsam, diese neuerliche Berufung anzunehmen, fiel ihr alles andere als leicht, gesteht sie. „Ich war zuvor schon einmal verantwortlich, aber das war ein kleiner Konvent. Und hier dann gleich 17 Mitschwestern, ein großes Krankenhaus – da musste ich doch erst einmal schlucken.“ Doch ein Einwand, der es vielleicht hätte verhindern können, fiel ihr nicht ein. „Man wächst ja mit seinen Herausforderungen. Also habe ich Ja gesagt – und lerne jeden Tag dazu.“
Präsenz statt Rampenlicht
Sr. Anna Maria ist eher zurückhaltend, gleichzeitig offen, freundlich und zugewandt, im persönlichen Gespräch oft witzig. „Man merkt mir hoffentlich an, dass mir die Nähe zu Menschen wichtig ist – zu den Mitschwestern, den Mitarbeitenden, den Patienten und ihren Angehörigen. Ich muss nicht im Rampenlicht stehen. Für mich zählt, dass wir füreinander da sind.“ Die ersten Monate in ihrer neuen Rolle empfindet sie als spannend und überraschend: „Ich wusste nicht, wie viel Wertigkeit dem Amt der Oberin im Haus beigemessen wird. Dass alle – vom Verwaltungsbüro bis zur Reinigungskraft – so große Wertschätzung zeigen, hat mich beeindruckt. Das macht mich nicht größer, aber es zeigt, dass Präsenz und Rückhalt wichtig sind.“
Liebe sei Tat – nicht nur Worte
Für Sr. Anna Maria bedeutet das Leben als Ordensfrau mehr als religiöse Pflicht oder Verwaltung: „Liebe ist Tat. Wir Vinzentinnerinnen schauen, was die Menschen brauchen – unabhängig von Religion oder Herkunft. Missionieren im klassischen Sinn? Nein, das ist nicht unsere Botschaft. Es geht darum, für Menschen da zu sein, ihnen zu helfen, ihnen zuzuhören, sie wahrzunehmen.“ Das zeigt sich im Dienst an den Patienten genauso wie im Alltag mit den Mitschwestern: beim gemeinsamen morgendlichen Laudes in der Kapelle, beim Austausch während des Mittagessens, abends bei der Vesper – dazwischen Gespräche, Begleitung und viel Organisation. „Wir sind eine Familie – der
Konvent ist unser Zuhause, das Rückgrat des Hauses.“
Das Miteinander sieht sie aber gleichermaßen als gelebte Gastfreundschaft im gesamten Marienhospital: „Schon an der Infothek, bei den Reinigungskräften, überall spürt man diese respektvolle, freundliche Haltung. Es ist ein Miteinander, das wirklich spürbar ist. Das ist das, was unseren Alltag menschlich macht.“ Diese Verbindung zwischen Nähe und Professionalität zieht sich durch das gesamte Leben von Sr. Anna Maria. „Man muss nicht in der ersten Reihe stehen, um etwas zu bewegen. Nähe zählt. Zuhören, motivieren, unterstützen – das sind die Dinge, die wichtig sind“, sagt sie und ist bereits mitten drin im Tun, ohne großen Auftritt und trotzdem wirksam.
















