„Unsere neue Oberin“ – doch nur für kurze Zeit
Als dieser Artikel entstand, war Sr. Patricia erst seit vier Monaten Oberin des Konvents der Vinzentinerinnen am Marienhospital Stuttgart. Sie sollte den Lesern vorgestellt werden: unsere neue Oberin. Doch kurz vor Drucklegung kam die nächste Wendung – so typisch für ihr bewegtes Leben: Sr. Patricia wurde zur Provinzoberin gewählt. Die Nachricht traf sie unerwartet und „ging mir richtig ans Herz“, wie sie sagt. „Ich habe mich nicht beworben – ich wurde erneut berufen“, sagt sie. „Es fällt mir schwer, wieder aufzubrechen. Ich weiß, was ich hier zurücklasse. Aber ich nehme die Aufgabe an, auch wenn es sich anfühlt, als müsste ich ein vertrautes Zuhause verlassen und in einen neuen, unbekannten Tag hinaustreten.“
Trotz ihres Abschieds erscheint dieser Artikel unverändert – weil er ein wenig von Sr. Patricia zeigen möchte: einem Menschen mit Tiefe, Humor, Ecken, Kanten und Herz. Ein Blick hinter den Schleier, bevor sie zu neuen Aufgaben aufbricht.
Zwischen Pragmatismus und Gebet
Wer glaubt, geistliche Leitung sei rein spirituelle Arbeit, hat noch nie den Alltag einer Oberin miterlebt. Sr. Patricias Aufgaben
reichen vom Aufstellen des Gebetsplans über Urlaubsregelungen bis zum Bestellen von ganz banalen Dingen des täglichen Bedarfs. „Manchmal denke ich: Ich bräuchte ein zweites Handy für die kleinen und großen Lebensfragen meiner Mitschwestern“, lacht sie. Und dazwischen liegen die Festtage, die Namenstage, der Blumenschmuck im Speisesaal, das Organisieren von Ausflügen und – natürlich – das leibliche Wohl.
„Wenn eine Schwester mal ein Gelüschtle hat, dann darf das sein“, sagt sie augenzwinkernd. „Jede soll wissen, wo sie ihr Schogglädle herbekommt.“ Diese kleine Geste erzählt mehr über ihren Führungsstil als lange Reden: Er ist geprägt von Menschlichkeit, Wärme – und der Freude an den kleinen Dingen, die Gemeinschaft lebendig machen.
Doch neben all den pragmatischen Aufgaben trägt sie eine zweite, tiefere Verantwortung: dass das geistliche Leben blüht. „Wir sind alle Menschen – mit Ecken, Kanten und unterschiedlichen Rhythmen. Da braucht es Achtsamkeit, manchmal auch Mut zur Konfrontation, aber vor allem Geduld“, betont sie. Besonders herausfordernd sei, wenn Schwestern Aufgaben aus Alters- oder Gesundheitsgründen loslassen müssen. „Das Loslassen gehört wesentlich zum Glaubensleben. Aber es ist schwer, wenn die Arbeit Jahrzehnte lang Teil der eigenen Identität war.“
Vom „wilden Mädchen“ zur Berufenen
Dass sie einmal Oberin werden würde, hätte sich die junge Irmgard Baumann aus Heilbronn wohl kaum träumen lassen. Sie wuchs als Tochter eines Gastronomenehepaars auf, war lebhaft, hilfsbereit – aber nicht gerade fügsam. „Ich war eher eine Wilde“, gibt sie lachend zu. Der Berufswunsch Krankenschwester stand jedoch früh fest. „Meine Mutter erzählte mir später, dass ich schon mit vier gesagt habe, ich wolle Menschen gesund pflegen.“
1983 begann sie ihre Ausbildung am Marienhospital, damals noch „ganz weltlich“, wie sie betont. Und die Begegnungen mit den Ordensschwestern waren – nun ja – nicht immer harmonisch. „Ich hatte meinen eigenen Kopf“, lacht sie. Doch während eines Lernaufenthalts im Bildungszentrum der Vinzentinerinnen in Untermarchtal geschah etwas Entscheidendes. „Ich traf dort auf Schwestern, die etwas ausstrahlten, das ich vorher so nie gesehen hatte: eine ruhige, tiefe Zufriedenheit. Es war, als seien sie in ihrem Leben angekommen. Da wusste ich: Dieses Leben hat Sinn.“ So trat sie fast unmittelbar nach ihrem Krankenschwesterexamen am 15. Oktober 1986 dem Orden der Vinzentinerinnen bei. Die Freude der Eltern war überschaubar. „Meine Eltern hatten ja gehofft, dass ich heimkomme, heirate und die Gastwirtschaft übernehme. Stattdessen zog ich ins Kloster.“
Bewährungsproben und Neubeginn
Das Noviziat verläuft zunächst ruhig – bis ein schwerer Autounfall ihr Leben radikal verändert. Über ein Jahr liegt sie im Krankenhaus, danach ist sie einige Zeit auf den Rollstuhl angewiesen. „Ich war 23 und dachte, mein Berufsleben sei vorbei.“ Doch in der Gemeinschaft des Ordens wird ihr ein neuer Platz zugewiesen: in der Verwaltung. In der dafür notwendigen Umschulung entdeckt sie schließlich ihre Begabung für Zahlen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich ein Händchen für Wirtschaft habe.“
In Ravensburg studiert sie Sozialwirtschaft, was sie im Anschluss dazu befähigt, das Pflegeheim Maria Hilf zu leiten – eine Einrichtung, die sich unter ihrer Führung grundlegend verändert. Sie öffnet das Haus für die Öffentlichkeit, schafft einen „Garten Eden“ mit Zierbeeten, Klangsteinen, mit Beerenhecken und lauschigen Sitznischen. „Menschen sollen dort nicht nur gepflegt, sondern berührt werden – mit allen Sinnen“. Das war ihr Anspruch. Mit Erfolg! Das Pflegeheim wird zu einem Ort der Begegnung, an dem Pflegebedürftige, Anwohner, Touristen und Mitarbeitende miteinander in Kontakt kommen. „Ich wollte, dass Leben ins Haus kommt“, sagt sie. „Pflege und Freude gehören für mich zusammen – genauso wie Struktur und Spontaneität.“
15 Jahre lang leitet sie das Haus, absolviert eine Palliativ- und eine Mediationsausbildung. Mit Energie, Witz und Tatkraft überzeugt sie auch Skeptiker und Förderer. Noch heute leuchten ihre Augen, wenn sie erzählt: „Das war eine erfüllte Zeit, eine bunte Zeit.“
Die Kunst der Demut
2019 dann die nächste Wendung: Die Generaloberin beruft sie zurück ins Marienhospital. Der Grund: Führungswechsel – und die Überzeugung, dass neue Aufgaben den Geist wach halten. „Ich war nicht begeistert – um ehrlich zu sein, war ich todunglücklich“, sagt sie offen. „Ich hatte mir diesen Wechsel nicht ausgesucht.“
Statt vertrauter Leitungsarbeit beginnt sie im Casemanagement der Unfallchirurgie – mitten in den Wirren der Corona-Pandemie. Isolation im Konvent, neue Strukturen, neue Teams. „Das war für mich eine Übung in Demut, vielleicht die schwerste meines Lebens.“ Doch Schritt für Schritt wächst sie hinein – und findet erneut ihre Berufung im Koordinieren, Begleiten, Verbinden. „Casemanagement ist wie Netzweben: Man bringt die Fäden zusammen, damit kein Patient durchrutscht.“
2024 wechselt sie in die neu eröffnete Geriatrie der Klinik, gestaltet dort Strukturen, leitet Teambesprechungen zwischen
Ärzten, Pflegenden und Therapeuten – interdisziplinär, lebendig und lösungsorientiert. „Manchmal braucht es ein gutes Argument, manchmal Humor – und meistens beides.“
Die Macht der kleinen Gesten
Sr. Patricia ist eine Frau, die Nähe schafft, ohne aufdringlich zu sein. Eine Frau, die auch über sich selbst lachen kann. Eine, die zuhört und trägt – nicht unbedingt auf Händen, aber im Herzen. Und wenn sie durch die Gänge des Krankenhauses geht, dann spüren Patienten, Angehörige und Mitarbeitende das, was ihr so wichtig ist: Präsenz. Wärme. Glauben, der nicht predigt, sondern lebt.
„Ich sehe das Krankenhaus als Teil unserer Gemeinschaft. Nicht als Institution, sondern als lebendigen Organismus. Jeder gehört dazu – ob auf der Krankenstation oder in der Kantine. Wir Ordensschwestern nehmen alles mit ins Gebet – Freude und
Schmerz, Glauben und Zweifel. Ganz gleich, ob jemand Christ ist oder nicht. Für Gott zählt der Mensch.“ So leitete Sr. Patricia den Konvent – und legt diese Aufgabe nun wieder ab, weil eine noch größere Verantwortung ruft.
„Manchmal denke ich dann an den Spruch, der auf dem Zettel mit meinem Ordensnamen stand“, erzählt sie: „‚Hüte, was immer Gott dir anvertraut.‘ Das ist meine Aufgabe – jeden Tag neu.“ Und dann lacht sie, dieses volle, herzliche Lachen – und wischt sich im nächsten Moment fast verstohlen eine Träne ab. „Ich gehe gern – aber ich gehe schweren Herzens.“
Oberin – aus vollem Herzen
Als sie im Sommer 2025 zur Oberin berufen wurde, war das eine doppelte Aufgabe: Weiterhin mit 50 % Casemanagerin, zugleich Vollzeit geistliche und organisatorische Leiterin des Konvents am Marienhospital Stuttgart. „Mein Tag hat nur 24 Stunden“, lacht sie, „aber mein Herz hat Platz für viele Anliegen.“
Und nun schlägt ihr Leben – wieder einmal unverhofft – ein neues Kapitel auf: Provinzoberin. „Ich habe nicht damit gerechnet, schon gar nicht so bald“, gibt sie zu. „Manchmal scheint das Leben seinen eigenen Zeitplan zu haben.“ Mit diesem Amt übernimmt sie künftig die Verantwortung für mehrere Konvente und die Begleitung zahlreicher Schwestern auf ihrem Lebens- und Glaubensweg.
Oberin Sr. Patricia – nun Provinzoberin – lebt Gemeinschaft als Freude. Und sie weiß schon heute, dass sie das Marienhospital und ihre Mitschwestern vermissen wird. „Ich nehme euch alle mit“, sagt sie, „nicht im Gepäck, aber im Herzen.“ Herzlichkeit, Humor, Vertrauen – das ist ihre Sprache. Und es bleibt ihr Lebensmotto: „Herzlichkeit ist die kleine Münze der Liebe.“


















