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„Rettungsanker“ Patientenverfügung?

Medizinische Behandlungsmöglichkeiten entwickeln sich in rasantem Tempo weiter. Die Medizin selbst bekommt zunehmend das Image „technisiert“ zu sein und dadurch „Menschlichkeit“ zu verlieren. Das führt zu der Meinung, sich in manchen Situationen – besonders am Lebensende – gegenüber einer solchen Medizin „schützen“ zu müssen. Als Instrument – gewissermaßen als „Rettungsanker“ – wird dann die Patientenverfügung vorgeschlagen. Weil häufig Sorgen, Befürchtungen und auch Ängste vorhanden sind, in eine Abhängigkeit zu geraten und nicht mehr selbst beteiligt zu sein an Entscheidungen über therapeutische Schritte, wird dazu geraten, den vorausverfügten Willen in der Patientenverfügung rechtswirksam niederzulegen.

Rettungsanker Patientenverfügung? Theologe Dr. Leyener nimmt Stellung

Dr. theol. Thomas Leyener leitet seit April 2011 das Bildungszentrum Vinzenz von Paul im Marienhospital Stuttgart und steht auch dessen Ethikkomitee vor. Dort ist er häufig mit dem Thema Patientenverfügung und der damit oft verbundenen Verweigerung lebensverlängernder Maßnahmen konfrontiert.

Sich in einer „Vorausverfügung“ heute schon festlegen

Jede Diagnose und die daraus folgenden Therapievorschläge müssen dem Patienten so erläutert werden, dass dieser daraufhin eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen kann. Denn nur mit Zustimmung des aufgeklärten Patienten darf eine Therapie erfolgen. Es ist aber gar nicht so unwahrscheinlich, dass wir in Situationen geraten, in denen wir diese Selbstbestimmung nicht mehr erbringen können. Darum rechtzeitig durch eine „Vorausverfügung“ heute schon festlegen, was ich in einer zukünftigen Situation will – so lautet die Empfehlung und die Logik der Patientenverfügung.

Wir haben nicht alles in unserem Leben in der Hand

Hier entsteht ein großes Dilemma: Kann ich heute sagen, was ich – sagen wir – in zwanzig Jahren in einer bestimmten Situation will? Wird diese zukünftige Situation überhaupt so sein, wie ich sie mir heute vorstelle? Weiß ich heute schon zu bewerten, wie ich künftige medizinische Möglichkeiten beurteile? Noch grundsätzlicher: Kann ich als Mensch überhaupt über etwas Zukünftiges „voraus verfügen“ oder gehört es nicht zu den menschlichen Begrenzungen, nicht über alles verfügen zu können? Kurz: Wir haben nicht alles in unserem Leben in der Hand!

Benennung eines bevollmächtigen Betreuers

Weil die Erfahrungen mit der Patientenverfügung lehren, dass die „Treffsicherheit“ des vorausverfügten Willens sowohl medizinisch wie juristisch zu relativieren ist, wird ein anderer Aspekt der Patientenverfügung immer wichtiger – die Benennung eines bevollmächtigen Betreuers oder einer Betreuerin. Aufgabe dieser Person, die als bevollmächtigter Betreuer benannt ist und dem zugestimmt hat, ist es, dem Willen des Patienten Geltung zu verschaffen. Die Betreuungsperson spricht und handelt anstelle des betroffenen Patienten.
    Um dies tun zu können, muss sie etwas wissen über die gesundheitliche Situation des Patienten. Sie muss seine Einstellungen zu Fragen der Therapie und des Umgangs mit Krankheit und Belastung sowie zur Gestaltung des Lebensendes kennen. Das erfährt eine benannte Betreuungsperson nur, wenn man darüber spricht und mit fortschreitender Lebenszeit diese Fragen immer wieder miteinander bedenkt.

Vertrauen und Kommunikation als Rettungsanker

Wer als Patient möchte, dass sein Wille und seine Einstellungen künftige therapeutische Entscheidungen beeinflussen, der sollte eine solche Person benennen. Man setzt damit auf die Karte „Vertrauen“ – ich vertraue darauf, dass mich jemand so gut kennt und einschätzen kann, dass dieser an meiner Stelle Entscheidungen in meinem Sinn und zu meinen Wohl trifft. Ich muss mit dieser Person über gewichtige Lebensfragen im Gespräch sein. Vertrauen und Kommunikation sind damit die Rettungsanker für Menschlichkeit in der bedrängenden Entscheidungssituation über Therapie oder auch Therapieverzicht.

Mein „vorausverfügter Wille“

Deshalb habe ich persönlich keine inhaltlichen Aussagen gemacht im Kapitel „vorausverfügter Wille“ meiner Patientenverfügung, sondern meine Töchter als bevollmächtigte Betreuerinnen benannt. Ich verlasse mich auf sie und auf Fortschritt und Verantwortung in der Medizin.

Dr. theol. Thomas Leyener, Leiter des Bildungszentrums Vinzenz von Paul
am Marienhospital Stuttgart

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Bildungszentrum Vinzenz von Paul

Marienhospital Stuttgart
Böheimstraße 37
70199 Stuttgart
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Telefax: 0711 6489-2469
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