Home > Presse > Immuntherapie Merkelzelltumor
  Schrift     Kontrast   Drucken   Schließen  

Das eigene Immunsystem besiegte den Krebs

Im Marienhospital wurde ein Merkelzellkarzinom erstmals mit Immuntherapie behandelt

Unser Immunsystem bekämpft normalerweise Bakterien oder Viren, die uns einen Schnupfen oder eine Blutvergiftung bescheren wollen ebenso erfolgreich wie Krebszellen, die sich auch in jedem gesunden menschlichen Körper ständig bilden. „Krebszellen können aber eine Tarnung entwickeln, durch welche sie für unsere körpereigene Immunabwehr unsichtbar werden. Dann kann sich Krebs ungehindert im Körper ausbreiten und gefährlich werden“, erläutert Professor Dr. Claudio Denzlinger, Ärztlicher Direktor am Zentrum für Innere Medizin III des Marienhospitals. Die erst wenige Jahre alte Immuntherapie sorgt dafür, dass die Krebszellen ihre Tarnung verlieren und das Immunsystem sie beseitigen kann. Patient Peter Rogosch berichtet, wie das in seinem Fall funktioniert hat.

Gemeinsam gegen den Krebs: Prof. Denzlinger und Patient Peter Rogosch

Prof. Dr. med. Claudio Denzlinger (links) ist Ärztlicher Direktor des Zentrums für Innere Medizin III mit den Schwerpunkten Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin. Seinen Patienten Peter Rogusch, der schwer an einer seltenen Hautkrebsart erkrankt war, konnte er mithilfe einer Immuntherapie erfolgreich behandeln.

Per Zufall entdeckt

Wahrscheinlich hat mein Kardiologe mir das Leben gerettet“, so Peter Rogosch. Der 72-jährige ehemalige Haupt- und Werkrealschullehrer suchte wegen Kreislaufproblemen Ende 2014 einen niedergelassenen Herzspezialisten auf. „Ich saß für ein Belastungs-EKG mit nacktem Oberkörper auf einem Fahrradergometer. Der Kardiologe entdeckte dabei zufällig an meinem Rücken eine merkwürdige rote Stelle und sagte mir, das müsse sich schnellstmöglich ein Hautarzt ansehen“, erinnert sich der Patient. Eine an der Universitätsklinik Tübingen untersuchte Gewebeprobe belegte, dass der Kardiologe richtig gelegen hatte: Bei Peter Rogosch wurde das seltene, aber gefährliche Merkellzellkarzinom festgestellt. „Die Zellen sind nach ihrem Entdecker Friedrich Merkel benannt. Es sind Hautzellen, die für das Druckempfinden verantwortlich sind“, erklärt Professor Denzlinger.

48 Stunden statt zwei Monate

Da ein Merkellzelltumor bösartig ist und Tochtergeschwulste in anderen Organen bilden kann, muss er schnellstmöglich behandelt werden. „In einer Universitätsklinik, an die ich mich zunächst gewandt habe, hätte ich volle zwei Monate auf einen Termin warten müssen“, so Peter Rogosch, „bis dahin wäre der Tumor vermutlich schon nicht mehr heilbar gewesen.“ Ein Arzt empfahl ihm schließlich, sich bei Univ.-Doz. Dr. Thomas Schoeller vorzustellen, einem der Ärztlichen Direktoren am Zentrum Plastische Chirurgie des Marienhospitals. Thomas Schoeller ist unter anderem auf Hautchirurgie spezialisiert. „Als er hörte, dass ich an einem Merkellzelltumor leide, bekam ich sofort einen Termin und lag 48 Stunden später auf dem OP-Tisch“, so der Patient.
    Nachdem der Tumor von Dr. Schoeller erfolgreich beseitigt worden war, erhielt Peter Rogosch noch einige Wochen lang Chemo- und Strahlentherapie. Beide sollten eventuell noch im Körper befindliche Tumorzellen abtöten, damit sich kein neuer Krebs entwickeln konnte. „Diese Kombinationstherapie, die in vielen Fällen erfolgreich ist, schlug bei Herrn Rogosch nicht gut an“, so Professor Denzlinger. „Mir fielen die Haare aus, ansonsten habe ich die Behandlung gut vertragen. Aber sie half halt nicht, weil sich nach einigen Wochen wieder neue Krebszellen bildeten“, so Peter Rogosch. Nicht nur an der Haut, sondern auch an mehreren Bauchorganen waren inzwischen bösartige Tumoren entstanden, und für Peter Rogosch hätte es normalerweise keine Behandlungsalternative mehr gegeben. Aber Professor Denzlinger fragte ihn, ob er bereit sei, es mit einer Immuntherapie zu versuchen. „Diese ist zwar für die Behandlung des Merkellzellkarzinoms noch nicht zugelassen. Bei anderen Hautkrebs- und etlichen weiteren Tumorarten sind mit ihr aber schon gute Ergebnisse erzielt worden“, erläutert der Krebsexperte.

Merkelzelltumor: eine seltene Hautkrebserkrankung

Merkellzellkarzinom: Dieser Hautkrebs ist selten, aber aggressiv. Er heißt nach seinem Entdecker Friedrich Merkel. Betroffen sind Hautzellen, die für das Druckempfinden verantwortlich sind. (Bild: Klaus D. Peter, Creative Commons-Lizenz, Wikipedia)
Weiße Blutkörperchen (Immunabwehrzellen) greifen eine Krebszelle (gelb) an. Weil sich diese zu tarnen vermag, wird sie von der körpereigenen Immunabwehr übersehen. Neue Medikamente machen die Krebszellen jedoch für die Immunabwehr wieder sichtbar, sodass diese den Krebs vernichten kann. (Bild: Juan Gärtner/fotolia.com)

„Wir schaffen das“

„Ich habe sofort eingewilligt. Denn ich habe Professor Denzlinger von Anfang an vertraut. Er wirkt kompetent und ernsthaft, hat aber zugleich einen feinen Humor und ein verschmitztes Lächeln, das einem immer wieder Mut gibt, wenn es nötig ist“, so Peter Rogosch. „Wir schaffen das“, habe er angesichts des berühmten Ausspruchs der deutschen Kanzlerin gedacht, die so heißt wie seine Krebsart, sagt Peter Rogosch.
    Professor Denzlinger wollte das Mittel Pembrolizumab verwenden, ein Medikament aus der Gruppe der Checkpoint-Inhibitoren. Diese wirken nicht gegen die Krebszellen selbst, sondern greifen Regulatoren der Immuncheckpoints an. Das sind Strukturen auf der Oberfläche der Krebszellen, die dafür sorgen, dass die köpereigenen Immunzellen die Krebszellen nicht aufspüren und ausschalten können. „Weil das Mittel für die Erkrankung von Herrn Rogosch noch nicht zugelassen ist, mussten wir beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Wir erhielten ein Okay für eine Behandlungsdauer von zunächst zwei Monaten,“ so Professor Denzlinger.

Bei einer Razzia wird es voll

Im Abstand von je drei Wochen erhielt Peter Rogosch im Marienhospital eine Infusion mit dem Medikament. „Anfangs sah es gar nicht gut aus“, sagt Peter Rogosch. Denn der Tumor wurde nicht kleiner, sondern wuchs im Gegenteil rasant. „Das ist nicht untypisch für eine Immuntherapie. Man muss sich das so vorstellen, als wenn sich in einem Zimmer mit einer Verbrecherbande plötzlich auch noch Polizisten tummeln, die dort eine Razzia durchführen. Dann wird das Zimmer zunächst noch voller“, so Claudio Denzlinger. Am Ende „schaffte“ es Peter Rogosch aber doch noch: „Nach knapp zwei Monaten schrumpfte das Tumorgewebe drastisch und löste sich schließlich auf, und selbst die Tochtergeschwulste, die sich im Bauchraum gebildet hatten, verschwanden vollständig“, so der Onkologe.
    Langzeiterfahrungen mit der neuen, Fachleute extrem hoffnungsfroh stimmenden neuen Krebstherapie gibt es noch nicht. Peter Rogosch soll jetzt zunächst sechs Monate lang alle drei Wochen eine Pembrolizumab-Infusion bekommen, später sollen sich die Abstände vergrößern. „Wir glauben, dass wir das Wiederaufflammen des Krebses dadurch über einen langen Zeitraum verhindern, mit Glück vielleicht die Erkrankung sogar komplett heilen können“, so Professor Denzlinger. Wichtig sei, dass das Mittel so dosiert werde, dass es gegen Krebszellen wirke, lebenswichtige gesunde Organzellen aber verschone. Um das sicherzustellen, muss Peter Rogosch derzeit wöchentlich zur Blutkontrolle ins Marienhospital. „Bis auf Übelkeit und Verdauungsprobleme in den Tagen nach den Infusionen geht es mir aber wieder gut“, lächelt Peter Rogosch glücklich.

Kontakt

Onkologisches Zentrum

Marienhospital Stuttgart
Böheimstraße 37
70199 Stuttgart
Sekretariat
Telefon: 0711 6489-8101
Telefax: 0711 6489-8102
onkologischeszentrum@­vinzenz.de
Weitere Informationen

© Marienhospital Stuttgart 2017. Alle Rechte vorbehalten | Home | Suchen | Impressum | Datenschutz | Haftungsausschluss | Sitemap