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Chronische Erschöpfung nach Krebstherapie?

Neueste Studien belegen, was dagegen hilft und was nicht

Professor Dr. med. Thomas Hehr ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Palliativmedizin des Marienhospitals. Dort werden jährlich rund 1700 Patienten mit bösartigen Tumorerkrankungen behandelt. Krebszellen werden von den Medizinern mittels zielgenauer Strahlung zerstört. Der Krebs kann so häufig geheilt oder zumindest seine Ausbreitung verlangsamt werden. Oft wird die Strahlentherapie durch eine Operation, Chemotherapie oder beides ergänzt.
    Manche Patienten fühlen sich während und nach der Therapie so schwach, dass sie nicht mehr am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Dieses Phänomen heißt Fatigue. Im Interview der Patientenzeitschrift „marien“ erläutert  Professor Hehr die Behandlungsmöglichkeiten.

Strahlenexperte im Marienhospital: Prof. Dr. Thomas Hehr

Prof. Dr. med. Thomas Hehr – hier vor einer Fotografie in seinem Büro – ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Palliativmedizin des Marienhospitals. Sein medizinischer Rat bei Fatigue: Es muss nicht Surfen sein. Aber Bewegung an frischer Luft ist ein gutes Rezept gegen chronische Erschöpfung nach einer Strahlentherapie.

Herr Professor Hehr, was genau heißt Fatigue?

Das ist ein aus dem Lateinischen und Französischen stammendes Wort und bedeutet chronische Ermüdung oder Erschöpfung.

Warum leiden insbesondere Krebspatienten oft an Schwäche und dauernder Müdigkeit?

Es scheint dafür nicht eine einzelne Ursache zu geben, vielmehr kommen mehrere Faktoren zusammen. Das ist zum einen der Krebs selbst. Krebszellen können Substanzen produzieren, die müde und abgeschlagen machen. Manche Krebsarten erhöhen den Energiebedarf oder greifen Muskeln oder Hormone an. Das alles kann ebenfalls den Körper schwächen.    

Aber die Krebstherapie scheint auch eine Rolle zu spielen.

Ja, denn eine Chemo- oder Strahlentherapie zerstört ja Krebs- und in gewissem Umfang auch gesunde Zellen und kann zu einer Verminderung der roten Blutkörperchen führen. Diese wird als eine Ursache für Fatigue angesehen.

Krebs bedeutet auch psychischen Stress. Spielt dieser auch eine Rolle bei der Fatigue?

Viele Patienten leiden nach einer Krebsdiagnose unter Angst, Stress und Schlaflosigkeit. Das alles schwächt den Körper ebenfalls.

Wieviele Krebspatienten leiden denn unter chronischer Erschöpfung?

Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie schätzt, dass 60 bis 80 Prozent der Patienten, die sich einer Strahlen- oder Chemotherapie unterziehen, betroffen sind. Die Erschöpfung kann so stark sein, dass manche Patienten ihren Beruf nicht mehr ausüben können.

Was hilft gegen die Fatigue?

Da man ja gar nicht ganz genau weiß, was die Erkrankung auslöst und mit ziemlicher Sicherheit mehrere Faktoren eine Rolle spielen, ist die Therapie nicht einfach. Manchen Patienten hilft die Einnahme von Ritalin, während sich zum Beispiel Antidepressiva hier als wirkungslos erwiesen haben. Einzelne Patienten berichten, ihnen habe Ginseng, Guaraná oder auch Akupunktur geholfen. Man weiß bei all diesen Dingen aber nicht, ob es sich um eine reine Placebowirkung handelt und ob die Müdigkeit nicht auch ohne Behandlung verschwunden wäre.

Kann sich die Fatigue also auch einfach wieder zurückbilden? Wie lange dauert das?

Ja, die chronische Erschöpfung bildet sich nach Abschluss der Krebsbehandlung wieder zurück. Meist dauert das aber mehrere Wochen, und die Patienten leiden ja teils sehr darunter.

Studien belegen: Sport hilft Krebspatienten am besten

In den letzten Jahren haben mindestens 25 Studien gezeigt, dass Krebspatienten ihrer chronischen Erschöpfung nicht nachgeben, sondern ihr körperliche Aktivität entgegensetzen sollten. (Bild: geralt, pixabay, creative commons)

Was raten Sie Patienten, die nicht so lange warten wollen?

In den letzten Jahren haben mindestens 25 Studien gezeigt, dass Sport Krebspatienten am besten hilft.

Welche Sportart ist denn empfehlenswert?

Ausdauer- und Kraftsport, aber auch Yoga, Tai-Chi und Qigong können Krebspatienten helfen. Jeder sollte sich die Sportart aussuchen, die ihm am meisten Spaß macht und die er am besten in seinen Alltag integrieren kann. Walking, Radfahren, Tanzen oder ausreichend langes und intensives Spazierengehen sind ebenfalls gut. Es kommt weniger darauf an, was man macht, als darauf, überhaupt aktiv zu werden.

Aber es fällt schwer, aktiv zu werden, wenn man sich völlig schlapp und müde fühlt.

Ja, das ist ein Problem. Manche Patienten deuten ihre Fatigue fälschlicherweise als Signal ihres Körpers, sich möglichst zu schonen. Sie betrachten die Krebserkrankung als Wendepunkt in ihrem Leben und finden sich damit ab, jetzt deutlich weniger aktiv zu sein als vorher. Als Arzt muss man diesen Patienten helfen, die Blockade im Kopf zu lösen und ihnen klar machen, dass sich eine aktive Lebensführung mit Bewegung für sie körperlich wie seelisch lohnt.

Wann sollte man denn mit dem Bewegungsprogramm beginnen?

Die Behandlung läuft ja meist so ab, dass der Patient einige Wochen lang an mehreren Wochentagen zur ambulanten Strahlentherapie ins Krankenhaus kommt. Die Patienten sind in diesen Wochen fast immer krankgeschrieben, haben also Zeit für körperliche Aktivitäten. Mit diesen sollten sie gleich zu Beginn der Strahlenbehandlung starten.

Weiß man denn sicher, dass Aktivität den Fatigue-Patienten mehr hilft als langes Schlafen und Entspannung?

Ja, das ist klar belegt. Es wurde zum Beispiel eine Studie mit 80 Brustkrebspatientinnen durchgeführt, die ab dem ersten Tag der Strahlentherapie an einem leichten Krafttraining  teilnahmen. Über zwölf Wochen trainierten sie zweimal wöchentlich für 60 Minuten in einem Fitnessraum. Nach Ende des Trainingsprogramms hatte sich ihre Fatigue gebessert, und die Frauen beurteilten auch ihre Zukunft positiver als Teilnehmerinnen einer Vergleichsgruppe, die an einem Programm zur Muskelentspannung teilgenommen hatten. Die Entspannungsübungen hatten keine Besserung der Fatigue oder der allgemeinen Befindlichkeit gebracht.

Wie intensiv sollte denn die körperliche Betätigung sein?

Professor Jürgen Debus, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie, warnte neulich davor, es mit der Bewegung zu übertreiben. Patienten sollten nicht mehr als 60 bis 80 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit nutzen, denn eine zu starke Belastung könne die Fatigue verstärken. Professur Debus rät den Patienten, das Trainingsprogramm mit dem behandelnden Arzt abzusprechen, um das richtige Maß zu finden.

Soll das Surferbild in Ihrem Zimmer Ihre Patienten zu körperlicher Betätigung animieren?

Das darf es gerne. Aber eigentlich hängt es dort, weil meine Frau mir mit dem Bild eine Freude machen wollte, da ich selbst gern surfen gehe.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Hehr!

Kontakt

Klinik für Strahlentherapie und Palliativmedizin

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Telefax: 0711 6489-2605
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