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Leistungsspektrum

Anästhesiologische Behandlung: Erstmaßnahmen

Wird ein Brandverletzter für unsere Intensivstation durch die Rettungsleitstelle angemeldet, bereiten wir alles für die Erstversorgung im Verbrennungsbad vor.
    Die intensivmedizinische Behandlung beginnt mit Ankunft des Brandverletzten. Wenn nicht bereits am Unfallort geschehen, wird der Patient zur Erstversorgung intubiert und beatmet. Es wird das Ausmaß von etwaigen Gesichts- und Halsverbrennungen beurteilt und der Rachenraum auf Brandspuren inspiziert. Bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma bronchoskopieren wir den Patienten, um die Ausdehnung der Schleimhautschädigung in den Atemwegen festzustellen und zu dokumentieren. Zeitgleich erfolgt die unerlässliche Flüssigkeitstherapie, um eine ausreichende Herz-Kreislauf-Funktion aufrechtzuerhalten.
    Im Anschluss an die chirurgische Wundversorgung übernehmen wir den Brandverletzten in die Spezialverbrennungseinheit. Von nun an werden alle ärztlichen und pflegerischen Maßnahmen unter strengsten sterilen Bedingungen durchgeführt.
    Als nächsten Schritt legen wir einen zentralen Venenkatheter zur Infusionstherapie, parenteralen Ernährung und Überwachung des zentralen Venendrucks. Über eine invasive arterielle Blutdruckmessung erfolgt die kontinuierliche Blutdrucküberwachung und Kontrolle arterieller Blutgasanalysen.

Anästhesiologische Behandlung: Flüssigkeitstherapie

Das Hauptproblem in den erste 24 Stunden ist der so genannte Volumenmangelschock. Neben dem massiven Verlust an Flüssigkeit in das Gewebe kommt es auch zu einer deutlichen Verschiebung von osmotisch wirksamen Stoffen wie Eiweiß und Plasma in die Gewebezwischenräume (Interstitium). Es bilden sich Ödeme, die nicht nur die äußerlich sichtbaren Bereiche betreffen, sondern auch die inneren Organe – zum Beispiel in Form von Lungenwasser und indem Leber und Darm anschwellen. Bei sehr großflächigen Verbrennungen besteht zusätzlich die Gefahr eines Hirnödems.
    Mit Frischplasma, Eiweiß und Elektrolytlösungen wird versucht, den Flüssigkeitsdruck aufrechtzuerhalten.
    Nach den ersten 24 bis 36 Stunden lässt die Durchlässigkeit der Gefäßkapillaren für Flüssigkeit nach; die äußere Flüssigkeitszufuhr wird dann reduziert. In den nächsten Tagen nimmt der Körper das Wasser und die Elektrolyte aus dem Verbrennungsödem wieder in das Gefäßsystem auf.

Anästhesiologische Behandlung: Herz-Kreislauf-Therapie

Die massiven Veränderungen im Flüssigkeitshaushalt des Körpers belasten das Herz-Kreislauf-System bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Die Phase, bis das eingelagerte Wasser wieder in die Gefäße aufgenommen wird, dauert zwei bis sechs Tage. Patienten mit Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen sind in dieser Zeit besonders gefährdet und benötigen daher häufig herzunterstützende Medikamente.

Anästhesiologische Behandlung: Lungenfunktion

Grundsätzlich halten wir die Beatmungsdauer so kurz wie möglich, um Komplikationen und negative Auswirkungen durch die maschinelle Beatmung zu vermeiden. Ausschlaggebend hierfür ist jedoch letztendlich das Ausmaß der Verbrennung vor allem im Hals- und Gesichtsbereich im Hinblick auf das nachfolgende Verbrennungsödem.
    Die Lungenfunktion wird mittels arterieller Blutgasanalysen überwacht. Am Anfang lässt der Gehalt an Kohlenmonoxid und Met-Hämoglobin Rückschlüsse auf ein mögliches Inhalationstrauma zu.
    Unterstützt wird die Diagnose Inhalationstrauma durch das klinische Bild, die fiberoptische Bronchoskopie und die Kenntnis des Unfallhergangs:

  • Handelte es sich um einen geschlossenen Raum?
  • War die Brandquelle aus Kunststoff oder Synthetik mit Entwicklung toxischer Gase?
  • Wie lange war der Patient der Hitzeeinwirkung ausgesetzt?

Das durch trockene Hitze entstehende Trauma der Atemorgane beschränkt sich meist auf den Nasen-Rachenraum, den Kehlkopfbereich und die obere Luftröhre. Anders verhält es sich bei heißem Dampf und toxischen Gasen. Hier kommt es auch zur Verletzung der tieferen Atemwege mit schwerwiegenden Folgen für die Lungenfunktion.

Anästhesiologische Behandlung: Schmerztherapie

Solange die Patienten sediert und beatmet werden, versorgen wir sie kontinuierlich mit Narkotika in Kombination mit stark wirksamen Opioiden. Vor allem Brandverletzungen und Verbrühungen zweiten Grades sind sehr schmerzhaft. Bei wachen Patienten wird eine ausreichende Schmerzbehandlung mit einer Kombination aus zentral und peripher wirksamen Medikamenten erzielt.
    Durch das Suprathel®, das bei uns seit dem Jahr 2000 eingesetzt wird, lassen sich die Schmerzen deutlich verringern, und es müssen auch seltener Verbandswechsel vorgenommen werden.

Anästhesiologische Behandlung: Ernährung

Der Verdauungstrakt ist eine riesige Eintrittspforte für Krankheitserreger. Rund 100 Billionen darmständiger Bakterien werden durch eine intakte Darmschleimhaut und eine effektive Immunabwehr vor Ort erfolgreich unter Kontrolle gehalten. Deshalb ist für Schwerbrandverletzte von besonderer Bedeutung, dass ihr Verdauungssystem richtig funktioniert.
    Die Patienten erhalten daher so früh wie möglich eine angemessene Ernährung, um zu vermeiden, dass – infolge des Traumas – durch eine mangelhafte Durchblutung des Darms Gewebe abstirbt und infolgedessen der Darm zum Ausgangsort für eine Blutvergiftung wird.
    Mit Beginn des Rückstroms des interstitiellen Ödems kann mit dem schrittweisen Aufbau der Ernährung begonnen werden. Je nachdem, wie die individuellen Begleitumstände sind, kommt sowohl die ausschließliche Sondenernährung wie auch eiweißreiche Wunschkost in Kombination mit Sondenkost zur Anwendung. Während der ersten Behandlungswochen ist eine zusätzliche parenterale Ernährung per Infusion erforderlich, da der Kalorienbedarf des Patienten durch eine auf das zwei- bis dreifache gesteigerte Stoffwechselrate erhöht ist. Vitamine und Spurenelemente wie Zink und Selen unterstützen die Wundheilung und verbessern die Immunkompetenz.

Anästhesiologische Behandlung: Infektionsvorbeugung

Verbrannte Haut setzt kontinuierlich Stoffe frei, die eine allgemeine Entzündungsreaktion im Körper hervorrufen und sowohl die Infektabwehr als auch das Immunsystem negativ beeinflussen. Daher ist es unerlässlich, diese zerstörten Hautbereiche (Nekrosen) so früh wie möglich abzutragen. Im Marienhospital wird eine "Sofortnekrektomie" innerhalb der ersten 24 Stunden vorgenommen.
    Dennoch sind nach 7 bis 10 Tagen die verbrannten Hautareale und die Wundflächen mit Keimen besiedelt. Hervorgerufen wird die Wundbesiedlung durch:

  1. Erreger der eigenen Hautflora des Patienten. Durch das Fehlen der Haut, dem natürlichen Schutzschild, kann der Organismus die eigenen, sonst völlig harmlosen Keime nicht mehr unter Kontrolle halten. Außerdem tragen Erreger des Verdauungstrakts zur Besiedlung bei (endogene Wundbesiedlung)
  2. Übertragung von Keimen aus der Umgebung des Patienten (exogene Wundbesiedlung). Um den infektionsauslösenden Keim rechtzeitig zu erfassen, werden unsere Patienten zweimal pro Woche einem mikrobiologischen Screening unterzogen.

Leider gelingt es in seltenen Fällen trotz maximaler Therapie und Vorsichtsmaßnahmen nicht, das Fortschreiten der Infektion zu verhindern. Es entsteht eine Blutvergiftung oder Sepsis, in deren Verlauf lebenswichtige Organe angegriffen werden.
    Aufgrund dieser besonderen Infektgefährdung müssen alle ärztlichen und pflegerischen Maßnahmen unter sterilen Bedingungen erfolgen, auch ist es deshalb notwendig, die Besucherzahl in unserer Spezialverbrennungseinheit auf maximal zwei Bezugspersonen zu begrenzen.

Chirurgische Behandlung: Sofortnekrotomie

Alle Schwerbrandverletzten, bei denen mehr als 30 Prozent der Körperoberfläche von tiefen Verbrennungen betroffen ist, werden unter Narkose innerhalb von 24 Stunden einer so genannten Sofortnekrotomie unterzogen. Dabei wird geschädigtes und totes Gewebe abgetragen und je nach Bedarf und Möglichkeit Haut transplantiert. Außerdem werden die Wunden mit Oberflächenersatzmaterial abgedeckt.
    Diese rasche Vorgehensweise verhindert, dass giftige Nitroseverbindungen, die durch die Verbrennung entstehen, weitere Schäden am Gewebe und an den Gefäßen anrichten.

Chirurgische Behandlung: Verfahren der Hauttransplantation

Zum Abdecken von Brandwunden stehen alle modernen Hauttransplantationsverfahren zur Verfügung, ebenso alle Hautersatzmaterialien, die sich bewährt haben. Darüber hinaus ist es möglich, in speziellen Fällen im Labor gezüchtete Oberhaut zuverwenden.
    Unter dem Dachverband Zentrum für Biomaterialien und Organersatz Stuttgart-Tübingen wurde in den letzten Jahren am Marienhospital eine Hautersatzmembran für zweitgradige Verbrennungen namens Suprathel® entwickelt. Sie besteht im Wesentlichen aus Polymilchsäure (Polylactid, PLA), ist atmungsaktiv und wasserdampfdurchlässig. Durch ihren Einsatz wird eine weitgehende Schmerzfreiheit von Verbrennungswunden und Hautentnahmestellen erzielt.
    Die Wundheilung verläuft unter Suprathel als permanentem Verband ungestört und infektfrei; es bilden sich keine entstellenden Narben. Als besonders vorteilhaft erweist sich die Eigenschaft, dass die Membran mit der Zeit vom Körper vollständig aufgenommen wird (Resorption). Den Brandverletzten bleibt somit der ansonsten notwendige, oft sehr schmerzhafte Verbandswechsel erspart. Seit April 2004 ist Suprathel bei Brandverletzungen zugelassen.

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